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Ostergeschenk des Handelsblattes: Mein Kopf gehört mir!

Die Osterausgabe des Handelsblattes [1] hat es aus piratiger Sicht in sich: Als politischer Hauptdarsteller der angeblichen Umsonstkultur werden wir massiv angegriffen. Das Blatt bietet 100 mehr und weniger bekannte Köpfe auf, die sich überwiegend schwach reflektiert gegen die Piratenpartei oder für die jetzige „Rechtssituation“ in Bezug auf das geistige Eigentum äußern. Wir können dankbar dafür sein, dass die Zeitung uns mit ihrem Artikel noch populärer gemacht hat. Ich glaube in diesem Zusammenhang gern an den in Medienkreisen üblichen Spruch [2], dass es keine negative Publizität ist, weil Publizität ein Wert an sich darstellt.

Ich habe mir zu dem Artikel einige Gedanken gemacht, weil auch ich über das Thema Urheberrecht im Internet zu der Piratenpartei gefunden habe. Hierbei handelt es sich nicht um die Parteimeinung und ich bin froh, wenn Ihr mir ergänzende Hinweise zu diesem Blogbeitrag gebt. Weil dieser Artikel nicht das Ergebnis eines Diskussionsprozesses des Kreisverbandes ist, erscheint der Artikel nur über meine Blogseite. Ich halte es aber für wichtig, dies zu dem aktuellen Thema zu veröffentlichen, da im Kreistag ein Antrag zur Förderung von Creative-Commons-Inhalten anhängig ist, der in die Richtung Änderungen im Netzes im Zusammenhang mit Geistigem Eigentum weist.

Der Mensch – ein Nutzenoptimierer?

Das Handelsblatt – ich hatte das zuvor als durchaus ernst zu nehmendes Fachblatt aufgefasst – ist auch in dieser Ausgabe in starkem Maße dem Bild des Menschen als „Homo Oeconomicus“ verhaftet.

Ein Artikel des Handelsblatt-Korrespondenten Häring auf Seite 17 über Unterschiede bei Urlaubsansprüchen zwischen Amerika und Deutschland zeigt dies ganz anschaulich. Seine hypothetische Schlüsselfrage bei der Personalauswahl gleichwertiger Aspiranten lautet: „Wen würden Sie einstellen, wenn Sie sich zwischen zwei ansonsten gleichwertigen Bewerbern entscheiden müssen? Den, der mehr Urlaub fordert und dafür mit einem geringeren Gehalt zufrieden ist, oder den, der sagt, er wolle lieber mehr arbeiten und Geld verdienen?“ Indem er die letzte Alternative als ehrgeiziger erkennt, kommt er zu dem Schluss, dass dieser Bewerber die besseren Aussichten auf eine Einstellung hat.

Bei dieser Art der Betrachtungsweise bleibt zum Einen unberücksichtigt, dass es für einen Arbeitgeber kostengünstiger ist, den verschmähten Bewerber zu wählen. Weiter – und wichtiger – bleibt völlig ausgeblendet, dass das Erwerbsleben nur einen Teil des Lebens ausmacht. Es mag so sein, dass Menschen im erwerbsfähigen Alter dies als zentrales Thema empfinden; der Lebenszyklus besteht allerding nicht ausschließlich aus Zeiten der Erwerbstätigkeit. Ich kenne (gottlob) keinen Menschen, der in der Kindheit und Jugend von seiner Erwerbstätigkeit leben musste. Im Gegenteil kenne ich viele Menschen, die sich Wünschen, nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben einen weiteren Lebensabschnitt in wirtschaftlicher Sicherheit beginnen zu können.

Auch neben dem Erwerbslebens gehen wir Hobbies oder sonstigen Liebhabereien nach, die sich wirtschaftlich nicht lohnen. Ein schönes Beispiel hierfür ist mein Hobby Kommunalpolitik.

  •  Mein Zwischenfazit 1: Dass jeder Software-Programmierer einen Aufstand machen würde, wenn jemand sein Programm nutzen würde (Seite 61), zeugt von Unkenntnis des Handelsblattes. Die Idee der Open Source Software geht gerade vom Gegenteil aus. Diese Idee ist die gemeinsame Wurzel des Creative-Commons-Gedankens und auch wir setzen auf unserer Seite einen Großteil Software an, die zwar abgeschaut, aber nicht geklaut ist.

 Für Inhalte Zahlen – Wie oft denn noch?

Glaubt man dem Text (S. 60) dient die Formulierung „Wir sind der Überzeugung, dass die nichtkommerzielle Vervielfältigung und Nutzung von Werken als natürlich betrachtet werden sollte.“ aus unserem Programm als Hinweis darauf, dass wir die geistigen Eigentümer enteignen wollen. Die Piratenpartei wird zur Enteignungspartei erklärt.

101 Piraten sagen ja zum Urheber - Quelle piratenpartei.de

Als Kronzeuge hierfür dient ein Anwalt, der das Recht des Geistigen Eigentums auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zurück führt. Ich halte dies für an den Haaren herbei gezogen, weil die Allgemeine Menschenrechtserklärung in vielen Ländern gilt und daraus keine zwangsläufige Festlegung darauf hergeleitet werden kann, dass das Urheberrecht in der jetzigen Form in Deutschland unänderbar für immer und alle Unterzeichnerstaaten der Erklärung festgelegt wäre.

Die Tatortkommissarin des NDR Maria Furtwängler würde ich gern fragen, wie häufig sie meint, dass ich als Gebührenzahler Sie über meinen GEZ-Beitrag noch bezahlen soll, bis ein gerechter Ausgleich für ihre kreative Leistung in den Tatorten geschaffen wurde. Es kann ja nicht angehen, dass ich für die 90. Wiederholung der Auftragsarbeit für die Fernsehanstalt immer noch berappen muss.

Ebenso wenig Einsicht kann ich dafür empfinden, dass es mir verboten werden soll, Musik, die ich auf CD erstanden habe, auch auf dem iPod zu hören, ohne dass ich einen Rechtsverstoß begehe.

Und – warum reicht es nicht aus, den Rechtsprofessor Rieble für seine Tätigkeit staatlich zu alimentieren? Wie grenzt er seine wissenschaftlichen Texte, die er eben neben der bezahlten Forschungs- und Lehrtätigkeit herstellt, von dem Teil der Arbeit ab, für die ihn die Steuerzahler als ordentlichen Professor ohnehin finanzieren?

Wie hält es eigentlich die Gesellschaft dieser Kreativen mit der Wertschätzung der Konsumenten?

  •  Mein Zwischenfazit 2: Die Wünsche der Kunden sind den in dem Beitrag zitieren Kreativen nicht viel wert.

 Umsonstkultur – Bigotterie des Handelsblattes

Ich halte es für richtig, eine „Geiz-ist-geil-Mentalität“ anzugreifen. Wenn das Handelsblatt dies ernst meinen würde, dürfte es nicht auf Seite 23 neben dem Impressum mit einer Werbeprämie werben. Für einen geworbenen Abonnenten gibt es nämlich eine (sehr interessante) GPS-Laufuhr – für umme. Damit nutzt das Blatt genau diejenigen Instinkte des nutzenmaximierenden Menschen, deren populistische Ausnutzung sie der Piratenpartei (zu Unrecht) vorhält.

Was ich in dem Artikel vermisse ist die Feststellung, dass wir uns als Partei auf dem Boden des Grundgesetzes bewegen. Damit stellen wir die Eigentumsgarantie – anders als dies der Beitrag vermuten lässt – nicht zur Disposition. Das Recht des Parlamentes, die rechtlichen Beziehungen zwischen Vertragspartnern angemessen zu gestalten, steht dem nicht entgegen.

Es ist auch schade, dass das Blatt der Frage, von welchen Institutionen die vergangenen Urheberrechtsgesetze ausgingen, nicht weiter beleuchtet. Vor allem die Verbände der Musik- und Filmindustrie versuchen seit Jahren auf nationaler und internationaler Ebene, das Internet ein bisschen weniger anonym zu machen und die Verfolgung von Urheberrechtsverstößen zu verschärfen. Vielerorts sind die Branchenverbände dabei erfolgreich gewesen, etwa in Frankreich, England & den Vereinigten Staaten [3]. Dies führt mich zu der Frage, welche Klientelinteressen das Blatt veranlasst hat, die Piratenpartei an den Pranger zu stellen. Der erste Werbebeitrag auf Seite 5 stammt von der Firma Amazon. Ich weiss (leider) nicht, ob es hier einen Zusammenhang gibt.

Der Genese des Internets widmet das Blatt keinen Raum. Die Berichterstattung beginnt bei Goethe und Mozart; dass das Internet jedoch nicht als Verkaufsveranstaltung begonnen hat und die Vereinnahmung des Netzes für kommerzielle Zwecke nicht in erster Linie von den Netzaktivisten ausging, ergibt sich aus den historischen Betrachtungen der Zeitung nicht.

  • Meine Schlussfolgerung: Es braucht eine starke Piratenpartei um ein Gleichgewicht der politischen Kräfte im Bereich des Urheberrechtes wieder herzustellen. Ich danke dem Handelsblatt dafür, dass es diese Tatsache klar herausgearbeitet hat.

 Und sonst so?

Es folgen einige Verweise zu interessanten Meinungen zu der Handelsblattausgabe.

[1] Handelsblatt Ausgabe 69, 5. – 9. April 2012

[2] Bad news are goog news.

[3] Christian Stöcker: Governance des digitalen Raumes: aktuelle netzpolitische Brennpunkte in Digitale Demokratie, Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für Politische Bildung, 62. Jahrgang 7/ 2012, 13.02.2012

 

2 Kommentare zu “Ostergeschenk des Handelsblattes: Mein Kopf gehört mir!

  1. fausto coppi

    Lieber Andreas Schelper,

    Dein Artikel ist wirklich erheiternd. Es wird mir zwar ein Rätsel bleiben, warum das zitierte Handelsblatt bei der Personalfrage diverse Hobbies und weitere Lebenszyklen berücksichtigen soll, aber nun gut. Nur bezüglich der angeführten Bemerkung zu Kopien liegst du falsch, da im privaten Bereich selbstverständlich Kopien fürs Auto, mp3-Player etc. erstellt werden dürfen (sogar für Personen, zu denen man eine engere Bindung hat). Es darf halt nur nicht kommerziell verkauft werden. Und nein, es ist nun mal nicht alles „open source“. Hierzu empfehle ich den Artikel aus der Süddeutschen:

    http://www.sueddeutsche.de/digital/urheberrechtsdebatte-lob-der-content-mafia-1.1325806

    Und dann dem Handelsblatt (was ich übrigens nie lese) Bigotterie wegen einer Abo-Prämie vorzuwerfen, ist bei ca. 400 Tageszeitungen und über 3000 Zeitschriften in Deutschland, die alle irgendeine Prämie vergeben auch sehr fadenscheinig.

    Mediale Präsenz ist keine Garantie für Erfolg – das mußte schon die FDP begreifen. Aber den österlichen Artikel (ebenfalls wieder Süddeutsche) mit jeweils 5 Gründen die Piraten zu wählen / nicht zu wählen fand ich klasse:

    http://www.sueddeutsche.de/politik/umfragehoch-der-piratenpartei-chaoten-oder-visionaere-1.1327908

    Die fünf pros könnten einen sogar wirklich motivieren – wenn man dann nicht die fünf contra-knock-outs oder weitere Anekdoten zu diskriminierenden Aussagen oder Verhaltensweisen lesen würde.

    In diesem Sinne…

    • Moin,

      es freut mich, dass ein Radsportveteran meine Zeilen liest. Wenn Du (eben)so stark wettbewerbsorientiert bist, dass Dich meine Gedanken erheitern, kann ich Dich wohl argumentativ nicht erreichen. Ich beauere das!

      Liebe Grüße und lass mich Dein Pirat sein,
      Andreas

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