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Offener Brief an Prof. Dr. Bassam Tibi

Prof. Dr. Bassam Tibi
Universität Göttingen
Institut für Politikwissenschaft

b.tibi@sowi.uni-goettingen.de

Göttingen, den 06.07.2016

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Tibi,

als langjähriger Inhaber einer Professur an der Uni Göttingen, Autor vieler Fachbücher, international bekannter Islamkenner und Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse sind Sie einer der gegenwärtig vielleicht prominentesten Göttinger Bürger. Ihre Stimme hat Gewicht, Ihre Stellungnahmen haben aufgrund Ihrer Herkunft besondere Bedeutung. In Ihrem akademischen Wirken haben Sie sich immer für eine „europäische Leitkultur“ eingesetzt – ein Begriff, als dessen Erfinder Sie gelten – die den Werten der Aufklärung und Freiheit verpflichtet ist.

Umso verstörender finden wir Ihre jüngsten Äußerungen in der Zeitung „Die Welt“. Dort erklären Sie, unsere Stadt sähe »aus wie ein Flüchtlingslager. Da laufen die Gangs, ob afghanisch oder eritreisch, durch die Straßen, und man bekommt es mit der Angst. Das Göttinger Gemeinwesen ist erschüttert. […] Ich finde die Lage unerträglich. Da kommen Menschen mit keiner Ausbildung und wenig Geld. Und sie erleben eine prosperierende Gesellschaft. All das ist hart erarbeitet. Das kann man nicht einfach verschenken. Mit der Zeit werden aus diesen Gruppen Gangs, die sich das dann holen. Göttingen wird in einem Jahr eine Stadt voller Kriminalität.«

Sicher: Das Göttinger Stadtbild hat sich im Laufe des letzten Jahres gewandelt. Die vielen Menschen, die zu uns gekommen sind, sieht man auch auf den Straßen. Die PIRATEN sagen: Das ist gut so, denn niemand soll in sich in unserer Stadt verstecken müssen. Wahr ist, dass Zusammenleben nie konfliktfrei ist und wir eine offenere Debattenkultur brauchen. Das ist aber schon vor der Flüchtlingswelle so gewesen. Es gab Zwischenfälle mit Menschen ausländischer Herkunft in Göttinger Gaststätten und in der Umgebung des Bahnhofs. Einige Frauen wurden zu Silvester nicht in eine Shisha-Bar gelassen, weil sie zu „deutsch“ aussahen. Wie gesagt: Niemand soll sich in unserer Stadt verstecken müssen, deshalb muss auch über solche Dinge offen geredet werden und das geschieht bisher viel zu selten.

Doch wer offen miteinander reden will, darf nicht vorverurteilen und keine Panikmache betreiben: Die Gleichsetzung Göttingens mit einem „Flüchtlingslager“ ist absurd – derzeit leben in Göttingen rund 1400 Flüchtlinge, 2250 könnten es laut einer Prognose vom Juni 2016 bis Ende des Jahres werden. Das sind 1-2 % der Bevölkerung. Der Alltag der übrigen 98 % der Göttinger hat sich kaum geändert, in einem Flüchtlingslager ist das bekanntlich anders. Menschen ohne Ausbildung und Geld pauschal zu unterstellen, sie würden angesichts von Wohlstand binnen Jahresfrist alle zu Dieben werden und „Gangs“ bilden, spielt mit rassistischen Klischees und schürt diffuse Ängste – obwohl Sie selbst noch vor wenigen Wochen bei einem Auftritt der 3Sat-Sendung „Vis-a-vis“ Rassismus als »höchste Form der Barbarei« bezeichneten. Das Göttinger Gemeinwesen ist keineswegs „erschüttert“: Es steht – wie wir alle – vor einer Aufgabe, und die Entwicklung der vergangenen Monate zeigt, dass Göttingen dieser Aufgabe gewachsen ist.

An anderer Stelle Ihrer Ausführungen in der „Welt“ beschweren Sie sich, »Wenn man etwas Kritisches sagt, kommt gleich die AfD-Keule!«, doch zugleich bedienen Sie deren Wortwahl und Populismus – weshalb Ihre Aussagen auch umgehend dankbar von rechten Medien wie der „Jungen Freiheit“ und „Politically Incorrect“ aufgegriffen wurden. Wer für die tatsächlich dringend benötigte »Debattenkultur, die diesen Namen auch verdient« eintritt, sollte seine Worte sorgfältiger abwägen.

Der Wert der Vielfalt – hierin werden Sie uns sicher zustimmen – liegt nicht im parallelen Nebeneinander der Kulturen, wogegen Sie als Akademiker immer gekämpft haben. Der Wert der Vielfalt liegt in der Begegnung und Konfrontation, die uns hilft, aus unseren eigenen Vorstellungswelten auszubrechen und unseren Horizont zu erweitern.
Um diese Begegnung zu ermöglichen, bedarf es zweierlei: erstens Einwanderer, die sich nicht abschotten, zweitens einer Leitkultur, die nicht ausgrenzt.
Göttingen und seine international ausgerichtete Universität gehen hier mit gutem Beispiel voran, Sie als einer ihrer bekanntesten Professoren sollten es auch tun.

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