Was bringt ein Podium zum Thema „Kein Blut in unseren Handys“ mit Piratiger Beteiligung?

Uns hat die Einladung vor den Schülern unseren Politikumgang zu schildern sehr gefreut. Ich habe die Chance gesehen uns zu diesem Thema, das eine Baustelle im Piratenprogramm darstellt, fortzubilden. Mich selber habe ich schon auf einen akzeptablen Kenntnisstand gebracht. Aber was interessiert die Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Göttingen der Abbau eines Erzes im Kongo?

A piece of coltan, one of the minerals that is extracted in the Congo.
http://www.flickr.com/photos/advocacy_project/3757652879/

 

Die Antwort wurde gestern nur mittelbar ausgedrückt. Alle vernünftigen Menschen scheinen nicht zu wollen, dass (Kinder-)Arbeiter unter katastrophalen Umständen im bürgerkriegszerütteten Kongo schuften müssen!

Nur damit ein niedriger Weltmarktpreis von Tantal, dem für die Elektronikindustrie so wichtigen Produkt aus Coltan, und stete Verfügbarkeit für Bauteile unserer Handys und DVD-Spieler gewährleistet sind.

 

Der Politikkurs um den THG-Lehrer Michael Gräf beschäftigte sich seit einem Jahr mit dem Thema Coltanabbau im Kongo. In einem öffentlichen Forum sollten Politiker Handlungsoptionen darstellen und von der Präsentation des Kurses inspiriert werden. Es sollte ein Vertreter eines der größten Unternehmen auf dem beinahe geschlossenen Markt, HC Stark aus Goslar, eingeladen werden. Das Gespräch hätte uns sicherlich alle interessiert, jedoch sagte das Unternehmen eine Beteiligung ab.

Der Abend sollte in 3 Schritten ablaufen. Problemanalyse, Lösungsansätze, Zertifizierung waren die Stichworte.

Ziemlich zu Beginn wurde jeder Podiumsteilnehmer, derer waren 4 (Dr. Dirk Küster, BGR, Jürgen Trittin, Grüne, Hartwig Fischer, CDU, und ich), mit der Frage konfrontiert „Was würden Sie einem Minenarbeiter sagen, welche Rolle Spielen Siemens, Apple und Nokia? und „Wer sind die Profiteure im Coltan-Geschäft?“

Da zu Beginn bereits die Diskussionsregeln, inkl. der Bitte um kurze Antworten vorgestellt wurden, begann sich jetzt die Spreu vom Weizen zu trennen. Auch in späteren Fragerunden glänzten die Berufspolitiker mit längeren Monologen. Dabei sei auch vermerkt, dass z.B. Herr Trittin wenigstens einmal das grobe Foul in meine Richtung begang den Inhalt meiner Antwort in neue Worte zu kleiden, langsam und verständnisvoll zu sprechen und den Applaus einzuheimsen. Er sei darum von hier aus noch einmal fernabgewatscht ;)

Hartwig Fischer, ihm standen seine persönlichen Erfahrungen in Afrika gut zu Gesicht, machte leider den Fehler einen zu negativen Eindruck durch seine Sprechweise hinterlassen zu haben. Jürgen Trittin war „eher der Märchenerzähler“ bekam ich von einer Zuhörerin mitgeteilt und Dr. Küster war anfangs ziemlich blass in der Runde.

Mir musste ich nachsagen lassen, dass ich mein Twittern (siehe #coltangoe) wohl zu sehr präsentiert hätte.

Ich kenne nicht alle weiteren Fragen auswendig und meine Antworten ebenso wenig, aber ich werde versuchen an die Videoaufzeichnung der Schüler zu gelangen.

Die Diskussion wurde interessanter, als das Reagieren aufeinander begann. Dort wagte ich mich mehrmalig mit Statements heraus und sagte beispielsweise, dass eine freiwillige Selbstverpflichtung der deutschen Unternehmen ein guter Schritt sei. Denn, so meine Argumentation, es sei im Interesse Deutschlands striktere Standards zu etablieren und bei anderen so ein Umdenken aufzuzwingen. Aus deutscher Sicht, so denke ich, macht es Sinn Vorreiter in Technologien zu sein, denn das die strikteren Sozial- und Umweltauflagen kommen werden liegt für mich in der Knappheit der Ressourcen begründet.

Ich wollte diesen Gedanken unbedingt hereinbringen, weil ich es nicht leiden kann, wenn ein gutes Vorhaben dadurch torpediert wird, dass man eine globale und gemeinschaftliche Lösung als ersten Schritt fordert.

Aus meiner Sicht ist bis zu diesem Zeitpunkt Herr Dr. Küster, der eher als Sachverständiger des Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe eingeladen war, zu wenig einbezogen worden. Es schien mir nur logisch ihn mehr zu Wort kommen zu lassen, denn sein Bundesamt entwickelt eine Methode des geologischen Fingerabdrucks von Erzen.

Durch eine Datenbank die alle Abbaustellen enthielte ließe sich Krisen-Coltan von legal gehandeltem Coltan unterscheiden. Beispielsweise kann man dann nachweisen, dass das verarbeitete Coltan (Columbit-Tantlit enthält z.B. auch Niob) aus einem unkritischeren Abbau aus Australien stammt. Damit ließe sich konfliktfreie Elektronik zertifizieren.

Jedoch sei die Ausweitung der Datengrundlage über die Minen und ihre Erze an stabile Verhältnisse geknüpft. Erst knapp 20 von über 200 kongolesische Minen seien überprüft, sagte Dr. Küster. Von einem zeitnahen Lösungsansatz kann man da wohl nicht sprechen.

Um 20:30 Uhr etwa bereitete Jürgen Trittin seine Abreise vor. Danach war die Runde nicht minder interessant, denn nun kamen auch Fragen aus dem Publikum hinzu. Ich wurde nach meinem Getippe ins Handy gefragt (Ergebnisse siehe #coltangoe), es wurde nach einer Quintessenz aus dem Abend gefragt und es wurden erstaunlicherweise Detailfragen gestellt die ich als nur im Internet Belesener am besten beantworten konnte (Weltweite Coltanvorkommen).

Die beiden Politiker von CDU und Grünen haben sich nicht für mich interessiert oder sich über die Piraten erkundigt. Leider kam es zu sehr wenigen Gesprächen, denn die Schüler durften die um 19 Uhr gestartete Veranstaltung nur 2h laufen lassen und anschliessend verschwand das Publikum auch recht schnell.

Ich hatte noch die Gelegenheit mit den beiden Schülern zu sprechen die die Moderation übernommen haben und ihre Position gut gehalten haben. Auch ein FAZ-Journalist war mit von der Partie und versucht einen Artikel in die Zeitung zu bringen.

 

Wir werden am Thema dranbleiben. Seht euch lieber vor ;)

7 Kommentare zu “Kein Blut für dein Handy

  1. Moin,

    ich fand es gut, dass wir uns einmal damit beschäftigt haben. Um ehrlich zu sein, hatte ich das Thema als Problem bislang nicht so gut aufgearbeitet. Ich finde, Dein Ansatz, eine Selbstverpflichtung zu erreichen, gut: Es ist wichtig, mit gutem Beispiel voran zu gehen. Das scheint mir in diese Richtung zu gehen. Die Verantwortung auf die Weltgemeinschaft oder die EU zu schieben, in dem gesagt wird, dass da nur eine globale Handelsregelung Abhilfe schaffen kann, heisst oft auch gar nichts zu tun.

    Ich kann mir vorstellen, dass das Twittern bei den Zuschauern im Saal schon seltsam herüber kommt. Ich als entfernter Interssierter fand es beachtlich, wie schnell und fehlerfrei Du die Meldungen eingestellt hast. Da hatte ich fast das Gefühl, dass ich der Veranstaltung beiwohnte. Allerdings ist mir nicht klar, ob ich das nur deswegen so empfunden habe, weil ich von Deinem Auftritt dort wusste.

    Ach ja, der Theodor wird mit Nachnamen – politisch völlig unkorrekt – mit „ss“ geschrieben. Dies gilt jedenfalls für den ersten Bundespräsi, nach dem die Schule möglicherweise benannt wurde.

    Danke für Deinen Beitrag,
    Andreas

    • Andreas,
      Den Nachnamen des Theodor kenn ich, weil ich den Fehler schon einmal machte. Ist auch wieder berichtigt.

      Mein Ansatz ist nicht gewesen diese „Selbstverpflichtung“ zu erreichen. Ich habe ihr nur als ersten Schritt etwas Kredit gegeben. Jürgen Trittin führte auch aus, dass selbstverständlich der Tiger nicht zahnlos sein darf und überprüfbare Kriterien festgelegt und von unabhängiger Seite Kontrolle erfolgen muss.
      Begleitend muss der Verbraucher sich aufklären und aufgeklärt werden. Kann es nicht auch Aufgabe des Verbraucherschutzes (durch NGO oder staatlich) unliebsame Folgen von Konsum einzudämmen? Sonst muss in Hartwig Fischers Logik und mit Jürgen Trittins Zustimmung der nächste Blauhelmeinsatz mit stärkerer deutscher Beteiligung (bisher etwa 780 von 20 000 Kräften) stattfinden.

  2. Martin Rieth

    Wow. Riesig viel Arbeit und Konzentration reingesteckt. David, Respekt und Dank dafür.
    So viele Schweinereien in der Welt lassen sich auf einfache Prinzipien von Imperailismus, Ausbeutung oder Kapitalismus reduzieren. Leider immer wieder ein Thema, dass die eigene Bequemlichkeit der fernen Menschlichkeit vorgezogen wird. Ich weiss, dass ich deutlich mehr arbeiten müsste, wenn wir eine true-cost-economy hätten. Allerdings weiss ich auch, dass wir alle erheblich weniger arbeiten müssten, wenn wir aufhören würden uns selbst von Bänkern ausbeuten zu lassen, … ach ich könnt mich hier in Rage reden und würde doch nix ändern und doch morgen wieder am Bio-Fleisch vorbeigreifen, weil ich das Leiden der Tiere nicht schmecke.
    Fazit: Was kann also eine Kennzeichnungspflicht bringen, wenn bestaugezeichnetes Bio-Fleisch nur bei gleichem Preis bevorzugt wird?

    Es ist alles so kompliziert, dass an vielen Ecken gleichzeitig ein Wandel passieren muss. Vielleicht müssen wir auch einfach nur mal anfangen und gemeinsam sagen, dass wir alleine keine Antworten haben und aufhören Leuten hinterherzurennen, die dies behaupten. Ahoi!

    • MaRtin,
      Die Politik suggerierte bis dato erfolgreich auf die unterschiedlichen Probleme der Menschen eine Antwort zu haben. Ich frage mich wie sie das belegen will.
      Vielfach wird über Gesetze versucht Handlungsänderungen herbei zu rufen. Wie kann auf das Problem von wenigen reagiert werden ohne Kollateralschaden. Letztlich wird an einer Stellschraube gedreht und viele Bürger werden beeinflusst.
      Wenn ich an Merkels Stelle wäre und so regieren wollte wie sie, dann würde ich auf Illusionen bauen und diese konstruieren. Genau das tut sie. Durch wiederholen von Mantra auf Mantra wird eingebläut.
      Die Wirtschaft ist stark aufgestellt.
      Die Wirtschaft geht gestärkt aus der Krise hervor.
      Die Börsen honorieren unser Reformvorhaben.
      Das Ausland schaut auf Deutschland.

      Nie waren Deutsche reicher und lebten länger.
      Mehr Netto vom Brutto.

      Alles Schwachsinnssprüche die an der Realität vorbei gehen. Denn die Frage ist doch, wenn das Wirtschaften im Land grundsätzlich ertragreich geschieht :
      Geht es meiner Familie und mir gut?
      Fühle ich mich in meinem Leben wohl?
      Gibt es etwas wofür es sich zu leben lohnt?
      Wie wird es meinen Kindern einmal gehen?
      Und die Frage des Abends: Wem schade ich durch meine Lebensführung?

  3. Hi,

    das ist ja großartig. Riesenkompliment für deinen Mut, bei so einiger Diskussion mitzumachen.

    Allerdings ist der Lösungsvorschlag mit der Selbstverpflichtung äußerst schwach. Das hat in der Vergangenheit nie funktioniert. Die Handyindustrie versucht, wie jede Industrie möglichst preiswert einzukaufen und möglichst teuer zu verkaufen. Die Handyindustrie hat auch keinen Einfluss auf die Abbaumethoden, weil die fest in der Hand weniger Monopolfirmen ist. Das heißt, der Handyproduzent sitzt zwischen den Stühlen. Links die Monopolanbieter der Rohstoffe, rechts der Markt, der nach billigen Smartphones schreit. Da ist nicht viel Spielraum, schon gar nicht für eine eigene Kontrollstruktur der Abbaumethoden.

    Wenn man etwas ändern will, muss man bei den Monopolfirmen ansetzen. Das heißt, es müssen konkrete gesetzliche Vorgaben gemacht werden und harte Sanktionen erfolgen, wenn diese nicht eingehalten werden. Und unter harten Sanktionen verstehe ich eher Haftstrafen für Manager als Geldstrafen.

    • Juh,
      Ich würde deine Formulierung unterschreiben. Ich habe auf den Kommentar von Andreas ja geantwortet, dass ich so eine Selbstverpflichtung alleine für nicht ausreichend erachte.
      Natürlich verstehe ich warum eine Selbstverpflichtung der Industrie so einen schlechten Ruf hat. CDU/CDU/FDP führen sich so auf als wäre die Industrie diesbezüglich anständig und ernten damit bei mir den Eindruck, dass Unternehmen die schwer zu führen sind.
      Bei einer von Unternehmen regierten Demokratie mache ich nicht mit.

    • Martin Rieth

      Moin juh,
      meiner Meinung nach greift der üblich Vergleich der Gewinnoptimierung hier nicht, denn es werden relativ geringe Mengen abgebaut und ebenfalls geringe Preise bezahlt. Ich schätze hier mal, dass der Preisanteil von Coltan an einem iPhone für >400Euro maximal im Cent-Bereich liegt. Und auch bei Bezahlung und Arbeitsbedingungen für die Minenarbeiter nach deutschen Standards wird das iPhone nicht teurer in der Produktion.
      Ich behaupte, dass der Kapitalismus der ersten Welt sogar gerne kommuniziert wie schlecht es den Arbeitern der dritten Welt geht, damit hierzulande kein Aufstand kommt und das immer währende „es-könnte-uns-noch-schlechter-gehen“ gut verkauft werden kann und die Massen schön die Schnauze halten. 42

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