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Minister irrt bei EU-Richtlinie zu Krankenschwestern

Arno Krüger http://www.flickr.com/photos/ak42/1047817650/ CC BY-NC-SA 2.0

Aus dem Alltag – zur Einleitung

Auf einer wohl durchschnittlichen chirurgischen Station arbeiten etwa zwei examinierte Pflegekräfte, eine Pflegehilfskraft und ein Auszubildender und betreuen 16 Zimmer mit durchschnittlich vielleicht 25 Personen. Einzelne Stationen in einem Krankenhaus können saisonbedingt eine Krankenhaus-ökonomisch „günstigere“ Belegungsquote aufweisen. Einzelne Zimmer können dauerhaft mit nur einem Patienten belegt oder zum Schutz vor Ausbreitung von „Krankenhauskeimen“ nach Reinigung zeitweise gänzlich gesperrt sein.

Wenn die Häfte der Patienten nennenswerte Hilfestellungen am Morgen benötigen, dann würde man etwa 10 Minuten pro Patientenzimmer einplanen. Dazu kommt die Begleitung einer morgendlichen Visite mit einer Schwester/einem Pfleger für je 4 Zimmer und damit weitere 25 Minuten. Danach das Verteilen des Frühstücks, wobei wieder Hilfe notwendig werden könnte. Danach gibt es Medikamente auszuteilen und das Frühstückgeschirr einzusammeln. Wenn überhaupt an ein gemeinsames Frühstück zu denken ist, dann sind vorher oftmals noch ärztliche Anordnungen aus der Visite abzuarbeiten und Blut abzunehmen.

Zwischen 9 und 10:30 Uhr kann dann irgendwann an ein Frühstück gedacht werden. Je nach Einrichtung (Pflegeheim oder Krankenhaus) sind die Pflegekräfte dann schon seit 6 Uhr am Arbeitsplatz.

Während des Frühstücks kommen die ersten Aufnahmen von neuen Patienten oder Verlegungen auf die Station. Diese Patienten müssen begrüßt und aufgenommen werden (ca. 20 Minuten pro Patient). Die entlassenen Patienten werden verabschiedet und hoffentlich mit einem Arztbrief vor dem Gang nach Hause ausgestattet.

Während des Arbeitsverlaufs wird der Patienten“zustand“ dokumentiert. Weißt der Patient Wunden auf? Wie entwickeln sich diese? Welche Maßnahmen werden ergriffen? Bedeutet der Patient pflegerischen Aufwand? Welche Hilfestellungen müssen unternommen werden? Wie geht es dem Patienten körperlich und psychisch während der Arbeitszeit?

Je nach Stationsgepflogenheiten müssen wiederkehrende Maßnahmen durchgeführt werden die „gemäß Plan“ durchgeführt werden. So werden Patienten nach Schilddrüsenentfernung z.B. angeleitet Inhalationen durchzuführen. Bei Menschen mit Blasenkatheter wird ggf. eine Bilanzierung der Trink- und Ausscheidungsmenge notiert. Vor und während Bluttransfusionen wird regelmässig der Blutdruck gemessen. Bei Patienten mit Zuckerkrankheit wird der Blutzuckerwert ermittelt und Insulin gespritzt. Bei allen Patienten über 14 Jahren werden Thromboseprophylaxestrümpfe angezogen und ggf. Medikamente zur Blutverdünnung verabreicht. Patienten werden vor einer Operation im OP-Feld rasiert oder es müssen Abführmaßnahmen durchgeführt werden.

Um 11:30 Uhr wird das Mittagessen ausgeteilt. Je nach Einrichtung werden am Vormittag die Patienten von einer Pflegekraft zu ihren Essenswünschen befragt und Getränke ans Bett gereicht. Diese Arbeitsschritte können auch gut durch Auszubildende oder Hilfskräfte durchgeführt werden.

Wobei die nicht-examinierten und jungen Kräfte jedoch meistens Schwierigkeiten haben, ist die Einschätzung des Patienten vorzunehmen. Wie verändert sich der Mensch über den Tag oder die Woche? Wie ist die Dokumentation fehlerfrei zu führen? Bedeutend ist auch die Zusammenarbeit mit den weiteren Berufsgruppen der Institution.

KrankenpflegerInnen müssen medizinisches Wissen in ihrer Ausbildung vermittelt bekommen und u.a. mit Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten, Dokumentationsassistenten, Seelsorgern, Hebammen, Ärzten und Psychologen zusammenarbeiten. Ihnen ist es möglich an eine Vielzahl unterschiedlicher Stellen in einem Krankenhaus zu arbeiten.

 

Probleme

Seit Jahren schon besteht die Tendenz examinierte Pflegekräfte durch Hilfskräfte zu ersetzen. Dann wird eine Station üblicherweise nur noch von einer Schwester/einem Pfleger geführt. Selbst eine Altenpflegerin/ein Altenpfleger wird nach vergleichbarer Ausbildung in vielen Krankenhäusern schlechter bezahlt.  Hilfskräfte mit 2-jähriger Ausbildung bekommen selbstverständlich ebendfalls weniger Geld. Diese werden zwar objektiv durch Rarifizierung des Standes aufgewertet. Jedoch geht dies nicht mit einem höheren Gehalt oder Freizeit einher, sondern die Stationsleitung wird zum Aufpasser und muss im schlimmsten Fall vieles Nacharbeiten. Das vergrößert den Druck auf den Bestand an gut ausgebildeten Pflegenden.

Die meisten der Pflegekräfte die ich kenne haben die mittlere Reife. Das bedeutet im Regelfall 8-9 Jahre Schulausbildung plus 3 Jahre Berufsausbildung und entspricht damit den von der aktuellen EU-Richtline geforderten 10 Jahren.

Wie Betroffenenverbände die Debatte empfinden lässt sich aus der Presseerklärung des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) entnehmen: „Aus deutscher Sicht wichtigster Punkt ist die geplante Anhebung der Zugangsvoraussetzungen zur Ausbildung auf 12 Jahre Allgemeinbildung bzw. deren Äquivalent. Damit vollzieht die Kommission nach, was in der großen Mehrheit der EU-Staaten schon Realität ist.
„Diese Änderung ist ein wichtiger Meilenstein für die Professionalisierung der Pflege in Deutschland“, sagt Gertrud Stöcker, stv. Präsidentin des DBfK. „Damit wird Deutschland gezwungen, eine mehr als 100 Jahre alte systemische Benachteiligung des Frauenberufs Pflege zu beenden“, so Stöcker weiter.“ (1)

Die Richtlinie ist von der Europäischen Kommission ins Netz gestellt worden und führe zu einer „Erleichterung der Freizügigkeit der Fachkräfte“. (2)

Aus der Politik ist eine andere Lesart zu hören. Der politische Geschäftsführer des Ministeriums für Gesundheitsentwicklungsfragen der Bundesregierung Bahr sagte „Ich habe mich in Brüssel persönlich gegen diese Pläne gewehrt und werde das weiter tun.“ (3)

Warum kann ein Berufsverband für Pflegeberufe der Stoßrichtung der EU folgen und ein Gesundheitsminister steht dem entgegen? Die Aussage

Hinter „Gesundheitsminister Bahr gegen längere Schulpflicht bei Pflegeberufen – EU-Vorschlag zurückgewiesen“ von dradio.de (4) verbirgt sich ein knapp bemessener Artikel und betont sehr stark die Überzeugung des deutschen Ministers. Warum das dem Problem nicht würdig wird will ich ausführen:

Die EU-Kommission schreibt, dass sie einen Vorschlag zur Modernisierung einer Richtlinie von 2005 hat. Dieser sieht als Kernelemente Erleichterungen

  • der Mobilität von Berufstätigen und
  • des Handels mit Dienstleistungen innerhalb der EU,
  • Stellen mit hohen Qualifikationsanforderungen besetzen zu können,
  • und eine größere Auswahl an Möglichkeiten für Arbeitssuchende vor.

Eine europaweite Richtlinie soll doch wohl einen guten Standard etablieren. Meiner Meinung nach ist die Forderung eines hohen Bildungsstandes unter den Pflegenden ein lobenswertes Ziel. Eine 12-jährige Schulausbildung als Ausbildungsvoraussetzung ist in 24 Ländern schon gegeben. Die Belastungen im Pflegeberuf haben sich verändert und etliche Länder bilden bereits auf universitärem Niveau Krankenpfleger aus.

 

Wo der Minister irrt

Herr Minister Bahr verkennt die Folgen dieser Richtlinie. Wie oben schon beschrieben wurde an der Qualität der Patientenbetreuung auf Personalseite über Jahre schon zunehmend eingespart. Eine bessere Ausbildung der Pflegekräfte wird zu einer besseren Artikulation der Interessen der Betroffenen führen. Dass Ärzte mehr „verdienen“ als Pflegende liegt in einem längeren Ausbildungsweg und einer größeren Entscheidungsbefugnis begründet. Das können sich die Pflegenden auch zumuten.

Ich gehe davon aus, dass sich die Position betroffener Arbeitnehmer mittelfristig verbessert, wenn sie sich nicht unter Wert verkaufen.

Die begonnene Ausdifferenzierung im Arbeitsumfeld Pflege sollte nicht mit dem Ziel voranschreiten vollwertige Stellen von examinierten an Hilfskräfte weiterzureichen und den gleichen Arbeitseinsatz und gleichbleibende Qualität zu verlangen.

Von billig-billig werden bestimmt in Zukunft nicht mehr Menschen gesünder.

 

(1) http://www.dbfk.de/pressemitteilungen/wPages/index.php?action=showArticle&article=DBfK-begruesst-Entscheidung-der-EU-Kommission-Zugangsvoraussetzung-fuer-Krankenpflege-anzuheben.php&navid=100

(2) http://ec.europa.eu/internal_market/qualifications/policy_developments/index_de.htm

(3) http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/pflege/article/684363/bahr-kaempft-pflege-abi.html?sh=1&h=874161748

(4) http://www.dradio.de/nachrichten/201112230800/2

7 Kommentare zu “Minister irrt bei EU-Richtlinie zu Krankenschwestern

  1. Peter Stoll

    Moin, die Zeitrechnung verstehe ich nicht. Zu meiner Zeit war man bei der Mittleren Reife 10 Jahre in der Schule und hatte da noch zwei Pflicht Schuljahre. Bei drei Ausbildungsjahren komme ich auf 13 Jahre.
    Gruß
    Peter Stoll

    • Hallo,
      meine Eltern kommen noch von der Hauptschule. Hauptschule war mal Regelschule und das ordne ich der heutigen Mittleren Reife zu.
      12/13 Jahre Schule entsprechen dann trotzdem 10 Jahre Mindestforderung.

  2. Wenn Du die Zuordnung von den Regelschulen abhängig machst, müsste die Hauptschule von früher dem heutigen Gymnasium entsprechen. Die meisten Kinder besuchen inzwischen Gymnasien.

    • Vielen Dank für das Lesen des Artikels. Ich beabsichtigte nicht in erster Linie eine Diskussion über Bildungspolitik sondern Minister-Aussagen.
      Stimmt denn nun die Position Herrn Bahrs oder die meinige?

  3. Anonymous

    Wie muss man denn diese 12 Jahre verstehen? Heißt dass, dass man 12 Jahre zur allgemeinbildenden Schule gegangen sein muss (d.h. Gymnasium)?

    Oder wird da die Fachbezogene Ausbildung mit eingerechnet? Und: Ist die Fachbezogene Ausbildung von Pflegekräften (die m.E. unerlässlich ist) nach dieser Richtlinie vorgeschrieben?

    Oder läuft es dann darauf hinaus, dass wir Hilfskräfte mit Abitur + 2 Jahre Ausbildung bekommen, die fachspezifisch nicht mehr Ahnung haben als die bisherigen Hilfspfleger auch?

  4. Irgendwie ist das das zweite Mal in kurzer Zeit, dass die EU Kommission meint, dass viele Menschen die Vorschläge missverstehen. Sie wir alle dusselig oder liegt es vielleicht doch an anderen.

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