Alles Mandatsträger Pressemitteilung Verkehrspolitik

Kritik an neuen Radverkehrs-Schutzstreifen in der Danziger Straße

Zu den bedeutendsten Vorhaben des Radverkehrsentwicklungsplans gehörte 2019 die Verbesserung der Situation für den Radverkehr auf der Danziger Straße. Hier sollten Schutzstreifen aufgebracht werden, die dem Radverkehr einen geschützen Raum geben und dem Kfz-Verkehr signalisieren sollten, auf Fahrräder besondere Rücksicht zu nehmen.

Herausgekommen ist ein bürokratisch anmutendes Wirrwarr, das niemand durchblickt und das die Situation alles andere als verbessert hat. Nach wie vor werden Radfahrer von Autos aggressiv bedrängt – viele defensive Radfahrer trauen sich nach wie vor nicht, auf der Straße zu fahren und bevorzugen den Gehweg.

Zunächst fällt auf, dass genau dort Schutzstreifen aufgebracht wurden, wo genug Platz auf der Straße ist – dass aber dort, wo es wirklich gefährlich wird und Radfahrer den Schutz bräuchten, nämlich an den Verkehrsinseln, diese Schutzstreifen plötzlich aufhören und danach wieder anfangen.

(Foto 2019-10-10-verkehrsinsel1.jpg)
http://www.ampelpiraten.de/images/2019-10-10-verkehrsinsel1.jpg

Unterbrechung des Schutzstreifens an der Verkehrsinsel. Der Schutzstreifen endet hier und beginnt erst wieder hinter der Verkehrsinsel, wenn die Straße wieder breit genug ist.
Kfz-Fahrern wird fatalerweise signalisiert, dass der Schutzraum für das Fahrrad hier endet und das Auto ab hier Vorrang hat.

(Foto 2019-10-10-verkehrsinsel2.jpg)
http://www.ampelpiraten.de/images/2019-10-10-verkehrsinsel2.jpg

Das logische Resultat ist ein entsprechendes Verhalten: Kfz überholen das Fahrrad kurz vor der Verkehrsinsel in voller Geschwindigkeit (50 km/h) mit viel zu knappen Abstand, und drängen es in Richtung des Bordsteins. Live-Aufnahme vom fahrenden Rad.

(Foto 2019-10-10-verkehrsinsel3.jpg)
http://www.ampelpiraten.de/images/2019-10-10-verkehrsinsel3.jpg

Auch hier drängt ein Lkw einen Radfahrer, dessen Eigengeschwindigkeit er unterschätzt, an der Verkehrsinsel von der Straße Richtung Bordstein ab. Der Radfahrer fährt sehr dicht an den Bordstein heran und bremst ab, um den Lkw überholen zu lassen. Es gilt das Recht des Stärkeren.

Eher als Schildbürgerstreich lassen sich die Führungen bezeichnen, bei denen unklar ist, was sie dem Verkehrsteilnehmer überhaupt signalisieren sollen.

(Foto 2019-10-10-streifenende1.jpg)
http://www.ampelpiraten.de/images/2019-10-10-streifenende1.jpg

Hier stellt sich die Frage, ob der Radfahrer sich in Luft auflösen soll. Auf dem mit einen Bordstein abgesetzten Fußweg darf er nicht fahren. Er soll nach rechts – aber wohin?
Bezeichnend ist, dass gleichzeitig ein paar Meter weiter vorne zwei Spuren dem Kfz-Verkehr vorbehalten sind. Deswegen muss die Radspur aufhören. Radverkehrsentwicklung endet in Göttingen dort, wo das Fahrrad mit dem Autoverkehr in Berührung kommt und die Stadt sich für Prioritäten entscheiden muss. Erste Priorität hat auf der Danziger Straße immer das Auto.

(Foto 2019-10-10-streifenende2.jpg)
http://www.ampelpiraten.de/images/2019-10-10-streifenende2.jpg

Hier wird dem Radverkehr signalisiert, dass er auf einen nicht gewidmeten Radweg abbiegen soll. Der Fußweg ist deswegen entwidmet, weil er zu eng ist und schnelle Fahrräder die Fußgänger gefährden. Schnelle Fahrräder dürfen diesen entwidmeten Radweg nicht benutzen – werden mit der neuen Radverkehrsentwicklungsmaßnahme aber dort hingeschickt.

Außerdem müsste man dazuschreiben, dass Radfahrer, die der Führung folgen, dann wenige Meter weiter an der Ampel der Geismar Landstraße viel länger Rot haben, da Fahrräder auf dem Bürgersteig nicht von der Kamera erkannt werden und erst am Anforderungstaster drücken müssen. Bleibt der Radfahrer auf der Straße und stellt sich auf der Fahrbahn auf, erkennt die Ampel automatisch das Fahrrad (genauso wie sie Autos erkennt) und schaltet kurze Zeit später auf Grün.

(Foto 2019-10-10-bushaltestellen.jpg)
http://www.ampelpiraten.de/images/2019-10-10-bushaltestellen.jpg

An diesen Stellen wird augenscheinlich angezeigt (durchgezogene Linie), dass der Radweg hier endet und hier Radfahrer nicht fahren dürfen, nur Busse. Radfahrer müssen hier entweder absteigen oder den Busbereich weiträumig umfahren – auf der Fahrbahn oder auf dem Fußweg?
Nur der Amtsschimmel weiß: Die Zickzacklinie am Ende des Radweges hat weder eine Bedeutung für Fahrräder noch für Busse: Sie hat für Autos eine Bedeutung und zeigt allen Ernstes an, dass 2 Meter lange Pkws hier nicht parken dürfen. Also Autos, die breiter sind als lang, dürfen nicht unmittelbar vor und hinter der Bushaltestelle parken.
Auf dem Fahrrad-Schutzstreifen dürfen sie nicht parken, und dort wo BUS steht, auch nicht. Die zwei Meter dazwischen wären ohne die Zickzacklinie ein rechtsfreier Raum. Bürokratie vom Feinsten.

(Foto 2019-10-10-fahrrad-auf-fussweg.jpg)
http://www.ampelpiraten.de/images/2019-10-10-fahrrad-auf-fussweg.jpg

Das Ergebnis der zigtausend Euro teuren Maßnahme: Radfahrer fühlen sich auf der Danziger Straße nach wie vor nicht sicher, viele fahren wie schon vorher auf dem Fußweg. Diese Radfahrerin kann sich bestätigt fühlen: 36-Tonner wie dieser fahren mit 50 km/h unmittelbar am Fahrrad-Schutzstreifen entlang und nehmen auf Fahrräder meist keine Rücksicht.

Fazit:
Diese von der Stadt als Radverkehrentwicklung bezeichnete Maßnahme sorgt nur für Verwirrung, eine zielgerichtete Förderung des Radverkehrs kann dadurch nicht erreicht werden.
Der Zielsetzung der Stadt, bis 2025 eine Reduktion der Fahrleistung im städtischen Kfz-Verkehr um 30 % zu erreichen und im Gegenzug die Fahrrad-Nutzung zu erhöhen, kann man mit einer solchen Strategie keinen Millimeter näherkommen.
Man muss allerdings sagen, dass die Stadt an der Danziger Straße genau das umgesetzt hat, was die Ratsmehrheit gegen die Stimmen der Piraten 2017 im Radverkehrsentwicklungsplan beschlossen hat. Die Piraten hatten solche Endresultate vorausgesehen.

Alle neuralgischen Punkte, wo die Radfahrer einen Schutzraum gebrauchen könnten, wurden ausgespart. In jeder einzelnen Konfliktsituation Auto/Fahrrad wurde dem motorisierten Pkw-Verkehr Vorrang vor dem Radverkehr eingeräumt.
Maßnahmen solcher Qualität sollten aus dem Radverkehrsentwicklungsplan gestrichen und nicht weiter verfolgt werden.

Zu fordern ist stattdessen ein generelles Umdenken und die Umwidmung von Fahrspuren, die bislang dem Autoverkehr vorbehalten sind.
Dabei müssen Straßen, wenn sie zu eng sind, als Einbahnstraßen ausgewiesen werden. Das Beispiel Danziger Straße zeigt: Anders lässt sich eine sichere Radverkehrsführung auf den städtischen Verbindungsstraßen nicht gewährleisten.
Ein Voranbringen von Radverkehr ist mit diesem Radverkehrsentwicklungsplan nicht möglich.

0 Kommentare zu “Kritik an neuen Radverkehrs-Schutzstreifen in der Danziger Straße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.